Luxushersteller hoffen auf Ältere
Wirtschaft wittert neue Absatzchancen – Ökonomen sorgen sich um
Rentensysteme und Einwanderung
by Monika Dunkel, Financial Times Deutschland, 25.06.2007
Eine alternde Gesellschaft bietet aus Sicht vieler Wirtschaftsbosse neue Wachstumschancen.
Insbesondere die Automobilindustrie und der Gesundheitssektor sehen sich auf
der Gewinnerseite. Der BMW-Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer sägte
auf dem diesjährigen „Munich Economic Summit", dass sich der
Markt für Premiummarken bis 2050 verdoppeln könnte. Derzeit expandiere
der Absatz von Luxusautos ungefähr in demselben Tempo, wie unsere Gesellschaft
älter werde. Die künftigen Alten, die heutige Minigeneration, dürften
im Alter aber mehr und teurere Autos kaufen als die heutigen Alten, so sein
Credo. Kein Problem also, dass BMWs Hauptabsatzmärkte Europa, Japan und
mit Abstrichen die USA alle bald viele alte Menschen haben. Auch Noch-Siemens-Chef
Klaus Kleinfeld beschwor die Chancen eines grauen Europa. Europa könnte
der Schaukasten einer alternden Gesellschaft werden. „Wir haben das
Potenzial zur innovativsten Gesellschaft trotz eines hohen Anteils Älterer",
glaubt Kleinfeld.
Mit ihrem Ansatz, Geld mit der Überalterung zu verdienen, unterschieden sich die Manager merklich von den Ökonomen und Politikern, die vor allem die Probleme der Sozialversicherungssysteme und des Arbeitsmarkts auf dem Münchner Treffen hervorhoben.
So fürchtet etwa Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, Gastgeber des Gipfels, dass die künftigen Alten längst nicht so reich sein werden wie die heutigen und sich deshalb im Konsum einschränken müssen. Die Frage sei eher, ob sie sich die Gesundheitsgüter und Autos leisten können, die die Wirtschaft produzieren will. Kleinfeld hatte in seinem Vortrag vor allem die Gesundheit als Megamarkt hervorgehoben. Hier entstehe eine riesige Jobmaschine. Schon heute seien in Deutschland über vier Millionen Menschen in diesem Sektor beschäftigt, fünfmal so viele wie in der Autoindustrie. Hier gebe es weltweit jede Menge Ineffizienzen und Möglichkeiten der Verbesserung.
Ifo-Chef Sinn warb auf der zweitägigen Konferenz, an der rund 150 Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer teilnahmen, für sein Modell eines kinderbasierten Rentensystems, das die Erziehungsleistung von Eltern stärker berücksichtigt. Derzeit beute der Staat Menschen mit Kindern aus. Seiner Rechnung nach bringt jedes neue Kind dem Staat knapp 140 000 € an späteren Steuer- und Sozialbeiträgen. Die Eltern müssen seiner Ansicht nach stärker an den Früchten der Humankapitalbildung beteiligt werden. Kinderlose müssten mehr durch Käpitalbildung vorsorgen.
Allerdings waren sich auch die Ökonomen über Auswege aus der drohenden Krise uneins. Während die einen vor allem mehr Einwanderung nach Europa als Teil der Lösung betrachten, forderten andere ein höheres Rentenalter, Rentenkürzungen und einen Wechsel zu einem kapitalgedeckten System.
Gegen einen Systemwechsel sprach sich EU-Arbeitskommissar Vladimir Spidla aus. Er glaubt, dass sich die europäischen Länder stärker für Einwanderer öffnen müssen und sagte für die Zukunft sogar einen „Einwanderungsmangel" voraus. Es werde ein regelrechter Wettbewerb um Einwanderer entfacht werden, so Spidla.
Einwanderung ja, aber sie löse das Problem nicht, betonte Sinn. Wollte man die Rate von Erwerbstätigen zu Rentnern auf heutigem Niveau halten, müssten bis 2035 rund 194 Millionen Menschen in die EU- 15-Staaten einwandern - der Uno zufolge wären es sogar 701 Millionen bis 2050.
Auch die Heraufsetzung des Rentenalters könne die Sozialbeiträge in Europa auf Dauer nicht stabilisieren. Dazu wäre ein Rentenalter von 77 Jahren erforderlich. Einig waren sich indes alle Anwesenden, dass es einen Arbeitsmarkt für Ältere geben müsste. So forderte Arij Lans Bovenberg, wissenschaftlicher Direktor eines Netzwerks zum Thema Alterung Rente aus Tilburg, dass ältere Menschen ein Arbeitseinkommen haben sollten. „Wir leisten uns eine immer größer werdende inaktive Klasse von älteren Menschen, die politisch sehr einflussreich sind." Er will das Alter neu messen, „65 Jahre sind heute nicht mehr alt", so Bovenberg.
BMW-Chef Reithofer sieht das ähnlich. Ihn stört, dass die Bundesagentur
für Arbeit bereits Menschen über 45 Jahre als schwer vermittelbar
einstufe, über 49-Jährige in der Werbung kaum vorkommen - und der
Durchschnittsdeutsche mit 61 in Rente gehe. Die Beschäftigung Älterer
sei leider die Ausnahme von der Regel. Dass Deutschland bald mit mehr Geburten
aufwartet, schloss der britische Politiker David Willetts aus: 42 Prozent
der deutschen Frauen glaubten nach wie vor, dass Kinder ihre Karriere beenden.